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In der modernen Medizin spielen Biologicals eine immer größere Rolle. Diese hochentwickelten Medikamente haben die Behandlung vieler komplexer Krankheiten revolutioniert, insbesondere in der Rheumatologie und Onkologie. Aber was genau sind Biologicals und wie funktionieren sie? Tauchen wir ein in dieses faszinierende Feld!
Was sind Biologicals?
Biologicals sind Medikamente, Arzneistoffe oder Impfstoffe, die biotechnologisch oder mithilfe gentechnisch veränderter Organismen hergestellt werden. Sie unterscheiden sich von herkömmlichen Medikamenten oft durch ihre makromolekulare Struktur, wie z.B. Proteine oder Nukleinsäuren.
Man kann ihre Funktionen in zwei Hauptkategorien unterteilen:
- Substitution körpereigener Proteine: Hierzu gehören beispielsweise Humaninsuline oder Erythropoietin.
- Immunmodulation: Makromoleküle wie Proteine, Nukleinsäuren oder monoklonale Antikörper werden eingesetzt, um das Immunsystem zu beeinflussen.
Ein verwandter Begriff sind Biosimilars, die wirkstoffähnliche Nachfolgeprodukte der Biologika darstellen.
Vielfältige Wirkstoffgruppen
Biologicals umfassen eine breite Palette von Wirkstoffgruppen, darunter:
- Blutgerinnungsfaktoren
- Fibrinolytika (z.B. Alteplase)
- Hormone (z.B. Insulin, Gonadotropine)
- Hämatopoetische Wachstumsfaktoren (z.B. Erythropoietin, G-CSF)
- Interferone (Interferon-α, -β, -γ)
- Interleukin-Analoga
- Impfstoffe (z.B. Hepatitis-B-Impfstoff)
- Monoklonale Antikörper
- Medikamente zur Beeinflussung der Genexpression (siRNAs oder microRNAs)
- Wirkstoffe aus der Tumornekrosefaktor-Superfamilie
Anwendungsgebiete: Revolution in der Rheumatologie und Onkologie
1. Biologicals in der Rheumatologie In der Rheumatologie haben Biologicals die Behandlung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen grundlegend verändert. Sie werden bei verschiedenen Krankheitsbildern eingesetzt:
- Polymyalgia rheumatica und Riesenzellarthritis: Hier kommen Sarilumab und Tocilizumab zum Einsatz. Diese monoklonalen Antikörper blockieren den Interleukin-6-Rezeptor (Handelsnamen: Kevzara, RoActemra).
- Axiale Spondylarthritis: Behandlungsoptionen umfassen Adalimumab und Etanercept (TNF-alpha-Blocker), Secukinumab (IL-17-Blocker) sowie Upadacitinib (Janus Kinase Inhibitor, JAKi – Handelsname Rinvoq).
- Rheumatoide Arthritis: Eine Auswahl der hier eingesetzten Biologicals umfasst:
- TNF-alpha-Blocker: Adalimumab (Humira®), Infliximab (Remicade®)
- Interleukin-1-Blocker: Anakinra (Kineret®)
- Antikörper gegen CD20 positive B-Lymphozyten: Rituximab (MabThera®)
- Interleukin-6-Blocker: Tocilizumab (RoActemra®)
- Interleukin-17A- und Interleukin-17F-Blocker: Bimekizumab (Bimzelx®)
2. Biologicals in der Onkologie – Immuncheckpoint-Inhibitoren Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet ist die Onkologie, insbesondere mit Immuncheckpoint-Inhibitoren. Tumorzellen können T-Zellen blockieren oder deaktivieren. Diese Biologicals verhindern die Deaktivierung der T-Zellen durch den Tumor, wodurch das Immunsystem den Krebs effektiver bekämpfen kann.
Typische Nebenwirkungen und deren Management
Obwohl Biologicals sehr wirksam sind, können sie auch Nebenwirkungen haben.
1. Spezifische Nebenwirkungen:
- TNF-alpha-Blocker: Erhöhtes Infektionsrisiko (inkl. Reaktivierung schwerer Infektionen wie Tuberkulose), Fieber, Hautveränderungen, Anämie, Diarrhoe und die Verschlechterung einer vorbestehenden Herzinsuffizienz.
- Antikörper gegen CD20 positive B-Lymphozyten: Während der Gabe können Fieber und Schüttelfrost auftreten. Es besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko, Anämie und Lymphopenie.
- Interleukin-Blocker: Erhöhtes Infektionsrisiko (besonders der oberen Atemwege), (Re-)Aktivierung von Herpes simplex und Herpes zoster, Bluthochdruck und Hautreaktionen.
2. Nebenwirkungen bei Immuncheckpoint-Inhibitoren: Diese können zu einer ubiquitären Inflammation und einer ungerichteten Immunaktivierung führen, die potenziell alle Organsysteme betreffen kann. Die meisten Nebenwirkungen treten nach 1 bis 3 Monaten auf, aber auch verzögertes Auftreten von Anämie, Hautveränderungen und Arthritis ist möglich.

Management von Nebenwirkungen: Die Therapie von Nebenwirkungen umfasst oft Glukokortikoide, andere Immunsuppressiva (wie TNF-alpha-Blocker), Plasmaaustausch, Immunglobuline oder Hormonsubstitution.
Wichtige Hinweise zum Management einer Biological-Therapie
- Impfungen unter immunsuppressiver Therapie: Eine Grund-/Auffrischimmunisierung sollte möglichst vier Wochen vor Therapiebeginn erfolgen (z.B. für Tetanus, Diphtherie, Pneumokokken, Meningokokken, Influenza). Totimpfstoffe gelten als unproblematisch, während Lebendimpfstoffe (z.B. MMR, Varizellen, Gelbfieber) eine Kontraindikation darstellen und nur nach sorgfältiger Abwägung in Einzelfällen gegeben werden dürfen.
- Perioperatives Management (vor Operationen): Die Therapie muss gegebenenfalls angepasst werden, um Infektionsgefahr und Wundheilungsstörungen zu minimieren:
- TNF-alpha-Blocker-Therapie: Eine Pause von zwei Halbwertszeiten (2-4 Wochen) vor einer geplanten OP ist ratsam. Der Wiederbeginn erfolgt nach sicherer Wundheilung und fehlenden Infektionszeichen.
- B-Zell-Antikörper: Operationen sollten am Ende des Applikationsintervalls erfolgen, mit engmaschiger Überwachung aufgrund der Gefahr der B-Zell-Depletion.
- Interleukin-6-Blocker: Vor der OP ebenfalls am Ende des Applikationsintervalls absetzen. Vorsicht: Ein fehlender CRP- und Fieberanstieg kann klinische Infektionszeichen maskieren.
- Monitoring: Eine engmaschige Überwachung ist essenziell. Dazu gehören eine Übersicht der Organsysteme (Haut, Gelenke, neurologische Symptome, Gewicht) und Laborkontrollen (Blutbild, Kreatinin, Leberwerte, TSH, Blutzucker). Eine interdisziplinäre Betreuung ist dabei von großer Bedeutung.
Fazit
Biologicals sind faszinierende und leistungsstarke Medikamente, die das Leben vieler Patienten maßgeblich verbessern können. Ihr komplexer Wirkmechanismus und ihre gezielte Wirkung erfordern jedoch ein umfassendes Verständnis und ein sorgfältiges Management, um ihre Vorteile optimal zu nutzen und potenzielle Risiken zu minimieren. Die ständige Forschung und Entwicklung in diesem Bereich verspricht weiterhin spannende Fortschritte für die Zukunft der Medizin.
Weitere Links
https://dgrh.de/dam/jcr:e8ac6b95-3a2f-4113-ab59-da18f1cb7cf4/empfehlungen_periop.pdf
https://www.aerzteblatt.de/archiv/axiale-spondyloarthritis-jak-inhibitor-upadacitinib
https://www.rheuma-liga.de/rheuma/therapie/medikamententherapie/basismedikamente/biologika
